Landhaus Poelzig wird abgerissen!

Viele haben es befürchtet, im vergangenen Jahr dagegen angeschrieben und protestiert: Trotz zahlreicher Fürsprecher/innen und aller Weckrufe startete am 2. November 2021 der Abriss des Landhauses Poelzig in Berlin-Charlottenburg. Ein Jammer und Skandal, denn das Ensemble stand nach zahlreichen Umbauten zwar nicht unter Denkmalschutz, war aber dennoch in vielerlei Hinsicht zeit- und architekturgeschichtlich herausragend.

Zum einen handelte es sich bei dem virtuos in mehrere Bereiche gegliederten Gebäude um das private Wohn- und Atelierhaus eines berühmten Architekten-Paares: Entworfen wurde es von Marlene Moeschke-Poelzig für sich und ihren Mann Richard Poelzig, der u.a. das Haus des Rundfunks an der Masurenallee entwarf. Das Objekt gehörte damit zu den sehr rar gesäten Bauten der 1920er Jahre, die von einer Frau entworfen wurden – ein Umstand, der viel über die speziell in der Architekturausbildung nur sehr schleppend vorangekommene Gleichbehandlung der Geschlechter aussagt und das Gebäude schon deshalb auch zu einem Dokument der Emanzipationsgeschichte werden liess. Zum Ensemble gehörte außerdem eine Gartenanlage, die von drei der wichtigsten Gartengestalter/innen des 20. Jahrhunderts geplant wurde: Herta Hammerbacher, Hermann Mattern und Karl Förster. Zudem war auch die Provenienz- und Nutzungsgeschichte des Objekts besonders, stand sie doch musterhaft für die kulturellen, ästhetischen und politischen Brüche der 1930er und 50er Jahre. Nach Richard Poelzigs Tod wurde das Ensemble an Veit Harlan verkauft, den Regisseur des vermutlich im Haus geschnittenen und erstmalig gezeigten übel anti-semitischen Propagandafilms „Jud Süß“. Später wurde auch das – ab Mitte der 1920er Jahren auch bei progressiv geplanten Wohnbauten Einzug haltende – von Marlene Moeschke-Poelzig entworfene Flachdach durch weniger modern erscheinende Giebelaufbauten ersetzt. Dies gilt offiziell als einer der Hauptgründe, warum dem Haus der Denkmalstatus verwehrt wurde. Dabei können solche Überformungen oft auch als Umdeutungs- und Aneignungsgeste gelesen werden und stellen damit selbst eine wertvolle Zeitschicht dar. Das alles hätte im Rahmen einer historischen Kommentierung sowie im Kontext verschiedener Nutzungsszenarien sehr gut und exemplarisch vermittelt werden können.

Aber dazu wird es nun wohl nicht mehr kommen. Die Folge der Ereignisse scheint nur zu vertraut und folgt einem immer gleich anmutendem Schema: Nach Umbauten durch neue Eigentümer/innen, wurde dem in begehrter Lage – dem Charlottenburger Westend – gelegenen Haus der Denkmalstatus verwehrt, obwohl auch diese Umbauten in diesem Fall selbst dokumentarischen Wert besassen. 2017 wurde ein Abrissantrag gestellt, der zunächst unter dem Radar der interessierten Öffentlichkeit blieb. Obwohl der drohende Abriss später sowohl in der Fach- als auch in der Tagespresse viel Resonanz fand und sich viele Geschichts- und Baukundige vehement für den Erhalt und die partielle Wiederherstellung des bedeutenden Ensembles engagierten, waren die Würfel politisch und/oder wirtschaftlich anscheinend schon gefallen. Mit dem Abriss wurden nun unumkehrbare Fakten geschaffen, indem wertvolle Substanz bewusst vernichtet wurde. 

Nun kann und soll, zur Freude der Investoren, auf dem Grundstück Tannenbergallee 28, demnächst der Neubau eines profitablen und luxuriös ausgestatteten Mehrparteienhauses beginnen. Entgegen der vom Investor präsentierten Renderings wird aber weiterhin versucht, den Bau einer Luxusvilla auf dem Gelände zu verhindern. Stattdessen könnte etwa nach den Vorstellungen der „Initiative Marlene Poelzig Villa“ vor Ort ein Artist in residencies-Programm für Architekt/innen entstehen. Am Donnerstag, den 11. Oktober ist für 19:00 Uhr ein Laternen-Protestumzug geplant.

Mehr zur Geschichte und Bedeutung des Hauses erfahren Sie zum Beispiel bei moderne-regional oder in dem von rbb-Kultur mit Architekturjournalist Nikolaus Bernau geführtem Interview sowie vielen weiteren lesenswerten Berichten:


Mithilfe beim Aufbau einer Roten Liste gesucht:

Auch dieses Beispiel unterstreicht leider die Notwendigkeit einer Roten Liste für bedrohte Baudenkmale, um möglichst frühzeitig die Stadtöffentlichkeit, die Medien sowie alle involvierten Akteur/innen zu sensibilisieren und einen öffentlich geführten Diskurs zu ermöglichen. Eine entsprechende Anwendung mit interaktiver Karte und den wichtigsten Hintergründen wird von uns derzeit entwickelt. Diese Anwendung ist weit gediehen und soll Anfang 2022 online gehen. Alle Infos finden Sie hier.

Um einzelne bedrohte Objekte zu identifizieren und in der Datenbank zur Roten Liste zu erfassen, sucht das KulturerbeNetz.Berlin ab sofort noch weitere Mitstreiter/innen. Freiwillige und Interessierte melden sich bitte bei den beiden Projektleitern der Arbeitsgruppe Rote Liste, Nils R. Schultze und Ben Buschfeld.

Anstehende Veranstaltungen

  1. 8. August 2021 | 10:00 - 1. Januar 2022 | 18:00

    Ausstellung, Stadtsafari und Bürgerwerkstatt

    Haus der Statistik

    Otto-Braun-Straße 70-72
    10178 Berlin
    mehr info
  2. 1. Mai 2022 | 19:30 - 21:00

    VERSCHOBEN: Diskussion Alliierte in Berlin

    Urania Berlin

    An der Urania 17
    10787 Berlin
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