Studentendorf Schlachtensee

Denkmalgeschütztes Wohnensemble aus den 50er-Jahren

Kurzinfos/Kenndaten
Nutzung: mietbare Zimmer und Apartments für Studierende
Status: Bau-, Garten und Ensembledenkmal
Lage: Wasgenstraße 75, 14129 Berlin-Zehlendorf
Bauzeit: · 1957-59 (18 Wohngebäude, Bibliothek, Bürgermeisteramt, Krämerladen)
· 1962-64 (Doppelwohnhaus, Gemeinschaftshaus)
· 1976-78 (vier fünfgeschossige Wohngemeinschaftshäuser)
Denkmalgerechte Restaurierung: 2006-2023
Architekten/Planer: Die Berliner Architektengemeinschaft
Hermann Fehling, Daniel Gogel und Peter Pfankuch
Initiative/Restaurierung/Vermietung: Studentendorf Schlachtensee eG
Website: www.studentendorf.berlin

In den 60 Jahren seines Bestehens hat das Studentendorf Schlachtensee nicht nur eine, es hat jede Menge Geschichten geschrieben, und zwar in den Erlebnissen und Erinnerungen seiner über die Jahrzehnte ein- und ausziehenden, kommenden und gehenden Bewohner*innen. Die heutigen Studierenden leben in einer fast vollständig erneuerten und denkmalgeschützten Anlage der Nachkriegsmoderne, sogar das originale Mobiliar ist vielfach erhalten geblieben, und sie schreiben die Geschichte des einzigartigen Studentendorfs täglich neu- und fort.
Offiziell beginnt seine Geschichte am 10. Oktober 1957, als die Beauftragte des US-Außenministeriums, Eleanor L. Dulles, und der Regierende Bürgermeister Willy Brandt den Grundstein legen für ein vom Reeducation-Programm finanziertes, visionäres Projekt, ein Studentendorf. Die nachwachsende akademische Elite des jungen Deutschlands soll hier Demokratie lernen und leben, das Dorf Keimzelle sein einer friedlichen demokratischen deutschen Gesellschaft.

Der Dorfanger bildet das Zentrum dieses wegweisenden Gebäudeensembles. Um den Platz gruppieren sich Gemeinschaftshaus mit Theatersaal und Mensa – der heutige Club A18 -, die Bürgermeisterei, nun Rathaus, der aktuell als Kita genutzte Dorfladen und die zur Learning Lounge umfunktionierte Bibliothek. In den ersten Jahren des Bestehens regelten noch ein aufwändiges Tutorenprogramm und ein Dorfrat den studentischen Alltag in Schlachtensee.

Die Berliner Architektengemeinschaft Hermann Fehling, Daniel Gogel und Peter Pfankuch entwirft die die Campusanlage des ersten und zweiten Bauabschnitts. Im ersten Abschnitt, 1957 bis 59, entstehen zwölf Wohnhäuser, Bürgermeisterei, Laden und Bibliothek. 1962 bis 64 folgen ein Doppelwohnhaus, das Gemeinschaftshaus und das schon längst wieder abgerissene Direktorenwohnhaus. Mit Ausnahme des Doppelhauses sind die Wohngebäude ein- bis dreigeschossig angelegt, in Würfelform, z-förmig, aus Winkeln zusammengesetzt oder streng geschlossen, vielfältig und prinzipiell asymmetrisch gestaltet.

Bis zu 30 Studierende leben in einer Wohngruppe, die „Buden“ sind 9 bis 12 qm groß, ausgestattet mit Einbauschrank, Bett, Schreibtisch, einem Wandregal, verbunden mit einem äußeren Eternitpaneel, und einer holzverkleideten Wand. Die Wohnbereiche sind durchgehend mit den gleichen Elementen gestaltet, doch sind sie je unterschiedlich und unterscheidbar, das Architektenteam entwarf nicht weniger als 36 verschiedene Möblierungs- und Wandfarbevarianten. Sowohl die Vielfalt der Einrichtungskonzepte als auch eine abwechslungsreiche Asymmetrie der Außenfassaden lassen immer wieder einen Grundgedanken aufscheinen: hier soll eine demokratische individualisierte Gemeinschaft westlicher Prägung leben. Die Buden stehen dabei als persönliche Rückzugsorte im Wechselspiel mit den großzügigen offenen Gemeinschaftsflächen. In dieser Architektur kann eine selbstbewusste plurale Gemeinschaft tagtäglich ge- und erlebt werden: das ist „gebaute Demokratie“.

In einem dritten Bauabschnitt 1976 bis 78 unter Federführung der Architekten Kraemer, Pfennig, Sieverts + Partner entstehen vier fünfgeschossige, massiv wirkende Wohngemeinschaftshäuser, die eine andere Formensprache sprechen als das sie umgebende ältere Ensemble.
Alle 28 Gebäude sind eingebettet in eine fünf Hektar große, von Landschaftsarchitekt Hermann Mattern gestaltete Gartenlandschaft.
Mitte der Achtzigerjahre erscheint der Weiterbetrieb des Studentendorfs unrentabel und das Land Berlin erwägt erstmals den Abriss und Verkauf. Nur der beherzte Widerstand der Bewohnerschaft verhindert das über die Jahre immer wieder einmal drohende Ende. 2001 dann scheint der Abriss beschlossen. Doch gelingt es der studentischen Selbstverwaltung unter der Ägide des Stadtplaners und Architekten Hardt-Waltherr Hämer, nachhaltigen Widerstand gegen diese Pläne zu organisieren. Eine Initiative für den Erhalt des Dorfes wird gegründet. 2003 besiegelt der Verkauf des Studentendorfs an die Genossenschaft Studentendorf Schlachtensee eG, die das Dorf seitdem betreibt, den schlussendlichen Erhalt.

Im Jahr 2006 wird das Studentendorf in den Rang eines Internationalen Kulturdenkmals erhoben, im selben Jahr beginnt die von Bundesregierung und Denkmalschutzbehörden unterstützte Sanierung, die 2023 abgeschlossen sein wird. Die Sanierung folgt einem einzigartigen energetischen Erneuerungskonzept, das die ursprünglichen Raumkompositionen unangetastet lässt und inzwischen als Vorbild gilt für die energieeffiziente Erneuerung nachkriegsmoderner Bauten. Für die Erneuerung der Fassade und zur Wärmedämmung hat die Denkmalpflege eine Aufweitung der Fassade um bis zu sechs Zentimeter genehmigt. Der Energieverbrauch reduziert sich so um gut die Hälfte, während der feingliedrige Fassadenaufbau vollständig erhalten bleibt. Keine Laibung wird beeinträchtigt, das harmonische Fassadenraster durch Einbauten nicht gestört. Die Stahlrahmenprofile werden mit einer Dreischeibenverglasung versehen, den Originalen nachgebildet, die innenliegenden Stahlprofile restauriert und, wo sie verloren sind, wiederhergestellt.

Die Raumaufteilung hingegen wird heutigen Bedürfnissen angepasst: Zwei Buden bilden künftig ein Apartment, drei Buden eine so genannte Doublette mit eigenem Bad, vier oder fünf Buden eine Wohngruppe. Die Haustechnik wird vollständig erneuert, die historische Farbausmalung wiederhergestellt. Die originalen Oberflächen aus farbigem Putz, Sichtbeton, Holz und Sichtmauerwerk, Einbaumöbeln und Küchen werden restauriert bzw. wiederhergestellt.

Das Studentendorf erfüllt bis heute vielfach seinen ursprünglichen Bildungsauftrag. Aktuell leben hier knapp 1.000 Studierende aus über 90 Nationen friedlich bei- und miteinander, in einem vorbildlich erneuerten Ensemble der Nachkriegsmoderne, eine ganz besondere Erfolgsgeschichte.