Industriesalon Schöneweide

Das größte industriell geprägte Flächendenkmal in Berlin

Status: Flächendenkmal
Lage: Oberschöneweide, 12459 Berlin
Besucherzentrum Industriekultur im
Industriesalon Schöneweide, Reinbeckstraße 9-10, 12459 Berlin
Website: www.industriesalon.de

„Die Industrielandschaft Schöneweide ist für die Elektropolis Berlin nicht weniger charakteristisch und nicht weniger wichtig als die Museumsinsel für Spree-Athen.“ (Prof. Dr. Norbert Huse)

Bild 02: Zentrum der „Elektropolis“

Schöneweide zählt zu den bedeutenden Berliner Gründerzentren, von denen der märchenhafte Aufstieg der deutschen Hauptstadt im Kaiserreich zur größten Industriemetropole Europas führte. Seit Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich hier ein Zentrum der Berliner Elektroindustrie entwickelt – ein zukunftsweisendes industrielles Ballungsgebiet, Teil der Berliner Elektropolis. Das „Band der Industrie“ erstreckte sich über drei Kilometer an beiden Seiten der Spree. Bis zur Wende war Schöneweide das größte innerstädtische Industriegebiet der DDR. Mit deren Ende wurden die Betriebe schrittweise „abgewickelt“, die Immobilen verkauft. Der historische Industriestandort an der Spree machte einen zunehmend verwahrlosten Eindruck. Die Bedeutung der Schöneweider „Denkmallandschaft“ für das Berliner Erbe galt es erst wieder zu entdecken.

Bild 03: Drohender Abriss und Verlust von Originaldokumenten

Im Jahr 2009 wurde der gemeinnützige Verein unter dem Namen „Industriesalon“ gegründet. Es herrschte „Gefahr im Verzug“: Für den Bau des neuen Campus der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW) war gerade die ehemalige Fernmeldekabelfabrik abgerissen worden, eine der frühen Stockwerksfabriken des Architekten Ernst Ziesel, der ein hoher Denkmalwert bescheinigt wurde. Und nun drohte das Museum aus dem „VEB Werk für Fernsehelektronik“ (WF), dem ehemals größten Werk in Ostberlin (bis zur Wende rund 9.000 Mitarbeiter), auf dem Schrottcontainer zu landen. Genauso wie die etwa 30.000 Fotos aus der Werksgeschichte, Tonbänder, Filmrollen, Brigadebücher etc. Angehörige des WF hatten das Museum in den 80iger Jahren aufgebaut. In dem vom Architekten Peter Behrens 1916 erbauten Werksgebäude war es unter dem Namen „Technik im Turm“ das „höchste Museum Berlins“. Bis 1992 Samsung das gesamte Werksgelände kaufte. Das Museum wurde geschlossen, die Historie moderte in Keller- und Dachräumen. 2009 wollte Samsung die Immobilie weiterverkaufen.

Bild 04: Beginn der Vereinsarbeit und Wiederbelebung des Werksmuseums

Das Angebot des Vereins, Keller und Dachräume auszuräumen, kam Samsung gelegen. Ein einsichtiger Eigentümer stellte dem Verein eine runtergekommene Produktionshalle auf dem nahegelegenen Gelände vom ehemaligen Transformatorenwerk Oberspree zur Verfügung. Und die Arbeit begann: Es gab weder ein professionelles Museumsmanagement noch einen Finanzplan, aber großen Enthusiasmus mit dem Ziel, das letzte Werksmuseum von Schöneweide wieder zugänglich zu machen. Zusammen mit der umfangreichen Sammlung kamen auch die Zeitzeugen, ehemalige WF-Ingenieure, die sich auskannten. Sie sortierten ganze Berge von Elektronenröhren, Bauelementen. Maschinen. Zur Eröffnung wurden provisorisch Pfade durch die aufgetürmten Objekte verlegt – dann strömten die Besucher. Viele von ihnen hatten bis zur Wende in den großen Werken gearbeitet. Danach mussten sie miterleben, wie die leergeräumten Produktionsgebäude Jahr für Jahr verfielen. Mit dem Industriesalon sollte ein Ort entstehen, an dem die Erinnerungen – auch an das eigene Berufsleben – ihren Platz haben.

Bild 05: Wissenschaftliche Aufarbeitung, Partizipation und Vermittlung

Und für die ehrenamtlich tätigen Vereinsmitglieder begann unendlich viel Arbeit! Als die Regale aufgebaut und die Objekte zumindest grob zugeordnet waren, drängten sich nächste Fragen auf: Welche Rolle spielte das WF in der DDR-Wirtschaft? Was genau wurde dort produziert und warum wurde das Werk nach der Wende abgebaut? Wir luden zu Vorträgen mit Betriebsleitern, Ingenieuren, Fachleuten und motivierten sie, ihre Kenntnisse und Erinnerungen zu verschriftlichen und als Broschüre in unserer Reihe “Erzählte Technikgeschichte“ zu publizieren. Gleichzeitig entwickelte sich das Interesse und die Notwendigkeit, das WF im Kontext des Gesamtstandortes zu verstehen. Zu DDR-Zeiten gab es hier fünf Großbetriebe mit etwa 25.000 Mitarbeitern. Seit der Wende gilt Oberschöneweide als „Industriedenkmalort von bundesweiter Bedeutung“ (Donath, Denkmale in Berlin TK S.7). Doch zur Sozial- Technik- und Wirtschaftsgeschichte ist die Materiallage bis heute disparat. Mit Hilfe von Zeitzeugen und Publikationen des Landesdenkmalamtes zu Schöneweide begannen wir mit ersten Führungen durch das gesamte Industriegebiet. Dabei sammelten wir wertvolle Erfahrungen: Besucher möchten Geschichten hören, sie lieben verlassene Orte, sie schätzten den „Blick hinter die Kulissen“ und sie interessieren sich für die aktuellen Konflikte beim fortschreitenden Umbau des historischen Industriegebietes zum Berliner „Zukunftsort“ mit einer neuen Mischung aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur.

Bild 06: Vom Werksmuseum zum Besucherzentrum für Industriekultur

Nachträglich liest sich die Entwicklung des Industriesalons wie eine fortlaufende Erfolgsgeschichte: 2011 wurde die Sanierung der maroden Produktionshalle gefördert, in der der Verein nun 15 Jahre lang mietfrei arbeiten kann, mit Lottomitteln konnte eine Dauerausstellung zur Geschichte des Ortes errichtet werden. 2012 bis 2014 wurde eine „Wirtschaftsdienliche Maßnahme“ gefördert mit dem Ziel, „Strukturen zur nachhaltigen Nutzung und Vermarktung des touristischen Potentials von Schöneweide“ zu entwickeln. Ab 2016 bekommt der Verein von der Senatsverwaltung Wirtschaft und dem Bezirk Treptow-Köpenick eine jährliche Zuwendung für die Entwicklung eines professionell arbeitenden Besucherzentrums, verbunden mit einem Ausbau der touristischen „Highlights“ in der Schöneweider Industriekultur. Als „förderfähig“ hat sich somit der wirtschaftliche Mehrwert unserer Arbeit für den Standort erwiesen. Das Museum mit all seinen Aufgaben muss allerdings nach wie vor ehrenamtlich betrieben werden.

Bild 07 + 08: Ganzheitliche Vermittlung und Einsatz für eine denkmalgerechte Nachnutzung

Das Besucherzentrum im Industriesalon engagiert sich dafür, das große Thema „Industriekultur“ vielfältig und spannend zu vermitteln. Tourenkonzepte wurden entwickelt, Stadtführer ausgebildet, verborgene Orte im Industriegebiet erschlossen. In wechselnden Ausstellungen werden immer wieder neue Perspektiven präsentiert, die Industriekultur in Geschichte, Gegenwart und Zukunft thematisieren. In den letzten Jahren steigt der Entwicklungsdruck im Berliner Stadtgebiet gewaltig. Die großen Industrieareale befinden sich seit der Wende in Privatbesitz. Bislang wurde kaum investiert. Denkmalgeschützte Gebäude verfielen, heute sind große Teile einsturzgefährdet. Nun scheint die Zeit gekommen, mit den großen Arealen und den maroden Denkmälern enorme Gewinne zu erzielen.
Wie kaum an einem anderen Standort in Berlin stellt sich in Oberschöneweide aktuell die Frage, in welcher Form das Erbe der Berliner Industrie erhalten bleiben soll? Wie entwickelt sich eine zukunftsfähige Mischung von Wirtschaft, Wissenschaft, Wohnen, Kunst, Arbeit und Lebensqualität im Rahmen der Renditeerwartungen internationaler Eigentümer? Der Industriesalon Schöneweide e.V. wird sich jedenfalls auch weiterhin engagieren für den Erhalt und die angemessene Nachnutzung des denkmalgeschützten Berliner Industrie-Erbes.

Bild 09: Schöneweide leuchtet – die Inszenierung der Industriekultur

Lange hatte Schöneweide ein denkbar schlechtes Image: Zu DDR-Zeiten als dreckiger Industrieort, später als „Hartz IV-Gegend mit erhöhtem Nazi-Aufkommen. Statt „blühender Landschaften“ zunehmender Verfall. Das noch weitgehend erhalten gebliebene bauliche Erbe der einst so bedeutenden Berliner Elektroindustrie wird bis heute eher als Problem, kaum als Qualität wahrgenommen. Wie wirksam diese Historie für eine Stärkung des Standortes genutzt werden kann, das konnte der Industriesalon mit einem großen Event verdeutlichen: Aufgegriffen wurde das 100-jährige Jubiläum vom Peter-Behrens-Bau. Am 1.10.1917 startete die AEG in diesem Gebäude die Automobilproduktion. Unter dem Label NAG wurden Luxuskarossen, Lastwagen und auch Elektrowagen gebaut. Im Auftrag der AEG entwarf der Architekt und Industriedesigner Peter Behrens dafür die markante Stockwerksfabrik mit dem weithin sichtbaren Turm. Das bis heute beeindruckende Gebäude ist weithin in Vergessenheit geraten. Zum Geburtstag wurde die Geschichte des Peter-Behrens-Baus spektakulär inszeniert: Eine Videoshow in 3D-Qualität ließ die „Göttin des Lichts“ – als Elektra das frühe Warenzeichen der AEG – vom Himmel steigen. Aus der Glühbirne in ihrer Hand wird das Elektroauto, das die Pferdekutsche überholt und den Turm hinauffährt, abgelöst von rotierenden Spulen und Röhren, die hier einstmals produziert wurden. Trotz Sturm und peitschendem Regen, allabendlich fotografierte und applaudierte ein begeistertes Publikum.

Kontakt

Industriesalon Schöneweide e.V.
Alexa Steindorf-Aust, Vereinsvorstand
Susanne Reumschüssel, Projektleitung
Reinbeckstraße 9-10, 12459 Berlin
Tel. 040 53007042 · E-Mail: info@industrieslaon.de
Informationen zu den Führungen: http://industriesalon.de/fuehrungen

Spendenkonto

Industriesalon
IBAN DE 71430609671113586700
BIC GENODEM1GLS

Bild- und Quellennachweis

Die Rechte an allen Fotos liegen beim Industriesalon Schöneweide e.V.

  • Bild 01: helicolor-luftbild-berlin.de
  • Bild 02: Quelle: Historisches Archiv, Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin
  • Bild 03: WF-Archiv Industriesalon
  • Bild 04 bis Bild 08: Fotos von Susanne Reumschüssel
  • Bild 09: Fotos von Benjamin Pritzkuleit